Aus dem Alltag



Mai 21

Pensionsgeschichten...


Beinahe 40 Jahre war ich als Lehrer am BRG Wörgl tätig.

Im September 2018 begann für mich ein so neuer, hoffnungsfroher Lebensabschnitt – der sogenannte „Ruhestand“. 

Aber diese Zeit brachte „Überraschungen“. Wenige Monate später musst ich mich einer Operation unterziehen und in dieser Zeit starb ein langjähriger Fachkologe, Hermann, den ich wegen seiner beständigen Freundlichkeit sehr geschätzt hatte, an seiner schweren Erkrankung. Er  war nur zwei Jahre vor mir in Pension gegangen.   Ich konnte nicht einmal an seiner Beerdigung teilnehmen...


Wieder wenige Monate später befand ich mich auf Reha (=Rehabilitation) in Münster, seinem Heimatort.  Von meinem Balkon konnte ich direkt auf den Friedhof sehen, auf dem mein Kollege begraben worden war. So beschloss ich sein Grab zu suchen, welches ich auch schnell fand. Mit aufgewühlten Gefühlen verbrachte ich einigen Minuten der Stille vor diesem. Der Gedanke, seine Frau, die ich ja kannte, anzurufen, ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Mit bangem Herzen wählte ich ihre Nummer.  Ihre spontane Freude über meinen Anruf überraschte und bewegte mich. Wir beschlossen am nächsten Tag einen Spaziergang zu machen, sie wollte mir von Hermanns letzten Wochen erzählen...

Mit etwas Wehmut dachte ich an die vielen gemeinsamen Jahre zurück, wie an an jenes gemeinsame  Schilager mit 150 Kindern, 5 Klassen(!), bei dem ich als junger Lehrer als Leiter meine Feurtaufe erlebte, wo wir uns im Tischtennis maßen etc... Wehmütig auch deswegen, weil trotz offensichtlicher gegenseitiger Sympathien und mancher Gespräche die Vertrautheit fehlte, über Glaubensfragen tiefer einzutauchen, meinem größten Anliegen...

Was mir seine Frau Elfriede am nächsten Tag bei einem ausgedehnten Spaziergang erzählte, sollte diese Wehmut in tiefe Dankbarkeit und helle Freude verwandeln! 

Die letzten Lebenswochen Hermanns sollten seine bedeutendsten werden!

Einer seiner Jugendfreunde aus der unmittelbaren Nachbarschaft hatte nach bewegten Jahren zum Glauben an den Herrn Jesus gefunden und dadurch in seinem Leben Halt und Richtung gewonnen.

Als er von Herrmanns schwerer Zeit erfuhr, nahm er nach Jahrzehnten wieder Kontakt mit ihm auf.

Eine herzliche Beziehung entstand neu, im Laufe dieser Begegnungen fand Hermann auch zu Jesus Christus! Sein Leben habe sich ganz auffällig positiv gewandelt, erzählte seine Frau. Hermann  konnte trotz seiner jungen Jahre und trotz der so unerwartet über ihn gekommenen Erkrankung in Frieden mit seinem Schöpfer sein irdische Leben abschließen, welch ein Geschenk...


Mein Wunsch, dass langjährige Kollegen zum Glauben an Jesus Christus fänden, fand hier eine unerwartete Erfüllung.
Martin Luther soll gesagt haben: „Gottes Mühlen mahlen langsam, aber trefflich fein.“


April 21

Unterrichten mit Geschichten! Teaching by telling stories!


Jesus als Lehrer ist ein wunderbares Vorbild für uns PädagogInnen. Er hat den Menschen mit Geschichten aus dem Alltag wichtige Sachverhalte des Lebens erklärt. Z.B.: Es war einmal ein Sämann… Warum nicht auch mit Geschichten unterrichten?“, dazu ermutigte uns der Referent auf einer EurECA Tagung (Europäische Vereinigung christlicher PädagogInnen).


Ich begann es auszuprobieren und merkte: Geschichten (besonders selbsterlebte) lassen die Klasse plötzlich gebannt zuhören und die Merkleistung steigt beträchtlich. Ich liebe diesen Moment zwischen berieseltem Zuhören und der plötzlichen Aufmerksamkeit, die entsteht, wenn eine Geschichte angekündigt wird!


Kürzlich, weil ich den Schüler und Schülerinnen eine Maskenpause gönnen wollte, schnappten wir uns Isomatten aus dem Turnsaal und setzten uns an die sonnige Schulhauswand, mit Abstand und ohne Masken. Dort lauschten sie einer selbsterlebten Geschichte über die Herausforderungen eines Bergbauernlebens und wie Touristen ihr Leben bereichern aber auch schwerer machen können, wenn das Verständnis füreinander fehlt. „Leben im Gebirge“ ist die GW- Buchseite dazu, die wir an diesem Tag nicht brauchten. Diese Stunde brauchte keine Wiederholung, weil sich die Kinder über die persönliche Geschichte die Inhalte zum Bergbauernleben gemerkt haben. Und sie lernten etwas über das Leben…

Die Geschichte verlief so:

Mein Mann und ich hatten vor einiger Zeit eine Auseinandersetzung mit einem Bergbauern hoch oben in den Kitzbühler Alpen. In einem Gewitter veranlasste uns eine Mur unwissend über sein Grundstück auszuweichen. Der Hofbesitzer sprang uns wütend ans Auto und riss unseren Scheibenwischer ab. Wir beschimpften uns im strömenden Regen, weil sich jeder im Recht wähnte.

Wir fuhren schließlich weiter in das große Almhotel weiter oben, wo wir zu einem Geburtstagswochenende eingeladen waren. Der Zusammenstoß brodelte einen Tag weiter in uns, bis wir beschlossen, uns bei dem Bergbauern mit einer Flasche Wein zu entschuldigen. In der Küche des Hofes, wo die ganze Familie gerade Wildkirschen entkernte (diese würde ich nicht einmal ansehen, so klein waren sie) erfuhren wir, dass er uns inzwischen angezeigt hatte, weil wir am Vortag gedroht hatten, ihn anzeigen. So mussten wir schleunigst selbst zur Polizei, um die Sache aus unserer Sicht zu klären. Dabei gaben wir an, dass wir die Sache bereits selbst geschlichtet hätten und baten um Einstellung dieses Verfahrens. Das passierte dann einige Wochen später.

Was das mit Geografie zu tun hat? An vielen Stellen der Begegnung mit den Bergbauern erzählte ich, was ich zwischen dem Ärger alles wahrgenommen hatte: den Arbeitsalltag, die Probleme, Sorgen und Mühen eines Landwirtes im Gebirge, und dass die Berührung mit dem Tourismus nicht nur Lebensgrundlage ist, sondern weitere Probleme aufwerfen kann.

Ein mir liebes Detail aus der Geschichte ist jenes, dass ein „Entschuldige bitte“ ungeahnte Folgen haben … oder verhindern kann! Uns bewahrte sie vor einer einseitigen Anzeige.

Gegen Schluss erzählte ich, dass mein Mann und ich uns auch bei Gott entschuldigt haben, weil wir einen derartigen Zusammenprall mit der Bergbauernfamilie, die Gott ja auch am Herzen liegt, verursacht hatten!